Wohnen und Arbeiten – dazwischen die Polizei

Leben am »Kotti« in Berlin-Kreuzberg

Im vertikalen Dorf

Am Kottbusser Tor scheint es leicht, Berlin zu verachten: Dreck, Drogen, das volle Schreckensprogramm. Aber viele Menschen leben hier, teils seit Jahrzehnten. Was hält sie?

von Hannes Schrader

BERLIN Der Spiegel | Am besten, man fängt mit der Scheiße an, so sind sie es hier am Kotti ja gewohnt. Auf dem schlammgrünen Kreisel des Kottbusser Tors steht seit Kurzem ein Klo, mit drei Kabinen. Es hat fünf Jahre gedauert, bis es hier stand, und kostet jährlich mehr als 50000 Euro. Als es eröffnet wurde, schrieb die grüne Bezirksbürgermeisterin: »Bääm. Da ist das Ding.«

Wenige Wochen danach öffnet man die Tür zum Klo und wird begrüßt von Toilettenpapiergirlanden und einem Rest Kot, der nicht dort ist, wo er hingehört.

Womit wir gleich beim Thema wären. Es gibt vielleicht keinen Ort in Berlin, der es einem leichter macht, diese Stadt zu verachten. Das Kottbusser Tor liegt im Zentrum Kreuzbergs, den Platz umringen Hochhäuser, in der Mitte ist ein Autokreisel, durch den Protzkarossenmotoren dröhnen. Auf den Bürgersteigen verrosten die Fahrräder, und hier kreuzen sich die U-Bahnen: Die U8 fährt von Nord nach Süd, U1 und U3 fahren von West nach Ost. Vom Kreisel gehen acht Straßen ab, der Ort scheint vor allem dafür gemacht zu sein, um von ihm wegzukommen.

So wurde der Kotti deutschlandweit eine scheinbar perfekte, dreckige Pointe für diese Stadt, in der angeblich nichts funktioniert, so wird er regelmäßig ausgestrahlt in bundesdeutsche Wohnzimmer. Meistens geht es um Drogen, Dreck, Kriminalität, was Fernsehsessel-Deutschland eben so Angst macht, sodass Bielefelder Eltern ihre Kinder, die in Berlin studieren, verunsichert anrufen und sie fragen: Aber da hältst du dich fern, oder?

Auf der Nordseite des Kotti erstreckt sich ein riesiger Gebäuderiegel, der über eine der Straßen verläuft, gebaut in den Siebzigerjahren. 295 Wohnungen sind drin, elf Stockwerke, »Neues Kreuzberger Zen­trum« heißt er. Direkt über der Straße, im ersten Stock, entsteht nun eine Polizeiwache. Sie sollte eigentlich 250000 Euro kosten, nun werden es 3,5 Millionen, womit am Kotti mal wieder alle Vorurteile über Berlin bestätigt wären.

So weit also die Lage. Nur: Obwohl alles so schlimm zu sein scheint, leben und arbeiten viele Menschen hier, zum Teil seit Jahrzehnten, der Ort ist so dicht besiedelt wie kaum ein anderer in Berlin. Was hält sie hier?

Wenn einem ein Ort schon die Möglichkeit gibt, ganz unten anzufangen, sollte man das tun und sich dann nach oben arbeiten, Stockwerk für Stockwerk. Also: zwei Rolltreppen runter, bis in den U-Bahnhof.

Zweites Untergeschoss: Hier rauchen die Heroinabhängigen und schreien herum, während Kreuzberg in die U-Bahn steigt. Ein Kiosk ist der einzige Laden hier, ein junger Mann sitzt darin. »Sorry, what do you want?«, fragt er. Er ruft seinen Chef an, Hakan. Wenn man den später selbst anruft und erklärt, zum Kottbusser Tor zu recherchieren, antwortet er: »Okay. Und was wollen Sie jetzt? Meinen Laden kaufen?«

Erstes Untergeschoss: Die Blumenverkäuferin sitzt auf einer umgedrehten Plastikkiste, sie trägt eine grüne Schürze. Vor ihr steht ein Eimer mit weißen Rosen, von denen sie die welken Blätter abzupft. Sie bietet eine weitere umgedrehte Kiste zum Sitzen an.

Darf ich fragen, wie Sie heißen?

»Igde. Ida, Gustav, Dora, Emil«, sagt Yadigar Igde, so schnell, dass man noch mal nachfragen muss. Den Vornamen buchstabiert sie auch direkt, Ypsilon, Anton, Dora, Ida, Gustav, Anton, Richard. Sie ist das gewohnt, wenn ein Deutscher nach ihrem Namen fragt.

Seit 1969 sei sie hier, sie kam noch als Kind. Am Kotti ging sie zur Schule, erzählt sie, ihr Vater arbeitete bei Siemens, ungelernt. In der Türkei sei er Bauer gewesen. »Er säte mit der Hand«, sagt sie und unterbricht ihre Arbeit, um anzudeuten, wie ihr Vater das Saatgut in die Erde streute.

Sie schloss die Schule ab, putzte am Ku`damm im Krankenhaus Operationssäle. Dann erfuhr sie von Freunden, dass die ihren Blumen­laden hier aufgeben wollten. Sie übernahm ihn, 1982, gemeinsam mit ihrem Mann. Sie hatten keine Ahnung von Blumen. »Wir haben in anderen Blumenläden geschaut, wie die das machen: Wie sie die Fenster dekorieren, wie sie Sträuße binden.«

Die Beziehung zerbrach, seit 1998 betreibt sie den Laden allein. An der Tür steht, dass sie um sechs öffne, aber das schaffe sie zurzeit nicht, weil sie meistens morgens noch zum Großmarkt müsse, Blumen kaufen. Um fünf Uhr stehe sie auf, um acht öffne sie den Laden, bis 19 Uhr. Montag bis Samstag. Sie ist jetzt 65. »Das ganze Leben ist hier weggegangen.«

Yadigar Igde wohnt um die Ecke, zusammen mit ihrer Mutter. Hier am Kotti, sagt sie, bekomme sie alles, was sie zum Kochen brauche. Und wenn sie sich etwas gönnen möchte, geht sie hoch, in eines der Restaurants, und isst einen gemischten Grillteller mit Lammfleisch.

Sind Sie glücklich hier?

»Ja«, sagt sie, ohne zu zögern. »In Berlin ist jede Ecke wunderschön.«

Die Straße: Wenn Steffen Bonnin über den Kotti schlendert, hat er diesen Polizistengang drauf: leicht nach hinten gebeugt, die Beine voraus; wie einer, der weiß, dass ihm so schnell keiner dumm kommt. Er ist in Kreuzberg geboren und seit 40 Jahren Polizist. Bonnin leitet die Brennpunktstreife, 15 Beamte, die regelmäßig durch den Kiez gehen. »Ich kenne die Steine hier«, sagt er. Wie ist es also hier am Kotti, Herr Bonnin?

Die Kriminalität, sagt er, komme größtenteils durch den Drogenkonsum am Platz. »Das sind die Ärmsten der Armen, die hier Straftaten begehen.« Meist seien es Heroin- oder Medikamentenabhängige, die Geld brauchen, um Stoff zu bekommen, und deshalb mal eine Handtasche klauen. »Oder sie ticken selbst, um Geld für Stoff zusammenzubekommen.« Auch zu Revierkonflikten unter Dealern komme es immer wieder.

Die Drogenszene, sagt Bonnin, habe sich hier angesiedelt, weil die Architektur so viele versteckte Ecken und verwinkelte Flure biete; perfekt, um sich ungestört einen Schuss zu setzen. Die U-Bahn-Etagen mit knapp einem Dutzend Ausgängen böten Dealern ausreichend Fluchtwege, und man komme eben schnell hin und wieder weg. »Für die Drogenabhängigen, die Obdachlosen und die Trinker ist das hier ihr Wohnzimmer. Die kriegen Sie hier nicht weg, und das wollen wir auch gar nicht.«

Als Polizist gehe es einerseits darum, Straftaten zu beobachten und zu verfolgen – vor allem um den Drogenhandel einzudämmen. Durch, wie er sagt, »Beharrlichkeit und Präsenz«. Das mache den Kotti unattraktiver für Kriminelle. Andererseits, sagt er, wolle er ansprechbar sein für Bürgerinnen und Bürger. Bonnin schlendert an den Spätis und Dönerläden vorbei, grüßt die Männer, die das Fleisch vom Spieß schneiden, und die jungen Frauen in den Büros. Ein Rentnerehepaar mit Stadtplan fragt ihn nach dem Weg.

Seit einigen Jahren gehen die Straftaten hier laut Polizei zurück – aber es bleibe einer der Orte mit der höchsten Dichte an Straftaten in Berlin, sagt Bonnin. Was für ihn aber nicht heißt, dass der Kotti seinen schlechten Ruf verdient hätte. »Es ist vieles besser geworden«, sagt er. Die Stadtreinigung komme seit einiger Zeit noch häufiger, um den Müll schneller zu entfernen. Drogenabhängige können sich in einem Gesundheitszentrum am Platz sicher einen Schuss setzen, auch das habe geholfen.

Zugleich höre er immer wieder von Anwohnern, die hier aufgewachsen seien, aber ihre Kinder nicht am Kotti großziehen wollten. Aus Angst, sie allein auf die Straße zu lassen. »Das geht natürlich nicht, und das müssen wir ändern.«

Bonnins Stimme ist warm, wenn er über den Kotti spricht. Er klingt mehr nach Sozialpädagoge als nach Polizist. An keinem Ort arbeite er lieber, sagt er. »Das ist ein Stück Identität. Hier komme ich her, hier gehöre ich hin.«

Im 1. Stock des Hochhauses »Neues Kreuzberger Zentrum« liegt, neben vielen Bars und Klubs, das Café Kotti, es gehört Ercan Yaºaroglu. Er lebt seit 1982 hier, ist ein alter Linker und sieht auch genau so aus: graue Matte, Zigarette in der Hand, dazu dieser scharfe Blick, der alles strukturell betrachtet.

Ercan Yaºaroglu sitzt zwischen kaltem Zigarettenrauch auf einer der vielen Plüschcouches und nennt sich selbst »Kottianer«. Er sagt: »Der Kotti ist für mich ein transkultureller Raum. Ein Labor.« Hier treffe eine alternative Spaßgesellschaft auf migrantische Strukturen. »Durch die Migration ist ein Raum geschaffen worden, in dem sich zum Beispiel Lesben und Schwule ungestört bewegen können. Das haben wir alle gemeinsam geschafft.« Der Kotti, sagt Yaºaroglu, sei ein Ort, an dem Toleranz von allen gelebt werde.

Im Café Kotti sitzen obdachlose Frauen neben jungen Studierenden, die bei selbst gedrehten Zigaretten VWL pauken. Am Wochenende feiern hier Touristinnen neben alten türkischen Herren, die eine Tasse Tee trinken.

Die Polizeiwache soll direkt nebenan entstehen. Der Gedanke mache ihm manchmal Angst, sagt Yaºaroglu. Er fürchte, dass es zu aufgeräumt werde, dass die großen Marken den Kotti entdecken, Adidas und Nike, »dass wir werden wie die Hackeschen Höfe« in Berlin-Mitte: eine Touristenattraktion, in der handgemachter Schmuck und Ampelmännchen-Tand verkauft werden, aber kaum echtes Leben stattfinde.

Wegen der Wache müsse er nun die Schirme von der Terrasse räumen, weil das ein Fluchtweg sei. »Das hat vorher nie jemanden interessiert.«

Neben seinem Café fährt ein Aufzug in die höhergelegenen Etagen des Hauses.

2. Stock: Ein Mann mit adrett frisiertem ergrauendem Haar reißt die Tür auf, er trägt eine weite Hose und hat dunkle Augen.

Wie finden Sie es, hier zu leben?

»Scheiße!«

Ah, und warum?

»Einfach scheiße! Scheiße! Scheiße! Scheiße!«, ruft er. »Das muss reichen.« Dann schließt er die Tür.

Den Flur kommt ein kleiner, alter Mann runtergependelt, er schaut freundlich überrascht, spricht kaum Deutsch. »70 Jahre«, sagt er, so lange lebe er schon hier. Er komme aus der Türkei.

Eine junge Frau huscht vorbei, dreht sich um und sagt: »Ach, hallo!« Sein Blick hellt sich nachbarschaftlich auf.

»Hallo!«

»Wie geht`s?«, fragt sie ihn.

Er deutet auf den Himmel: »Kalt!«

»Ja, stimmt!«, sagt sie und lächelt. Sie schließt ihre Wohnungstür. Da verschwindet auch der Herr hinter seiner Tür.

3. Stock: Viele, bei denen man hier nachmittags klingelt, haben die Türen doppelt verschlossen. Man hört die Schlüsselbunde schlackern, wenn die Türen geöffnet werden, oft nur einen Spaltbreit. Mit einem Journalisten sprechen? Lieber nicht.

4. Stock: Ein Mann Ende dreißig im Unterhemd öffnet, er hängt am Handy, bittet sofort in die Wohnung und legt auf. Der größte Einrichtungsgegenstand im Wohnzimmer ist ein voll behängter Wäscheständer. Er wohne mit seiner Tochter hier, seit zwei Monaten. Warum er hierhergezogen ist? »Weil ich sonst nichts gefunden habe.« Als man rausgeht, hört man den Mann hinter der Tür wieder telefonieren, er lacht schallend und ruft ungläubig ins Telefon: »Ein Journalist!«

5. Stock: Ein sehr alter Mann öffnet, barfuß. Er trägt einen langen Bart und eine weite Stoffhose, sein Gesicht ist müde und eingefallen, die Haut um seine Augen ist fast schwarz. Er versteht kein Wort Deutsch, er lächelt milde.

Hinauf in den 6. Stock: Die Stufen der Treppenhäuser sind sauber gewischt. Nur der Geruch bleibt in der Nase hängen: eine Mischung aus Beton und Bratfett.

7. Stock: Auch hier sind die meisten Klingelschilder mit der Hand geschrieben, eilig mit Kuli geschrieben, mit Tesafilm ans Schild geklebt.

8. Stock: Ein Mann öffnet, weißer Pulli, karierte Filzpuschen. Ismael ist 48, fährt Taxi und kommt gerade von der Schicht. Er lebe hier seit 1998, sagt er, in ihrer alten Wohnung hätten sie noch mit Kohle heizen müssen. »Hier war alles super.« Aber dann kamen die Klubs, erzählt er. Seitdem, und das soll man auf jeden Fall schreiben, »wird es jeden Tag schlimmer«, vor allem weil die Leute in die Hauseingänge pinkeln.

Und die Wache, die jetzt kommen soll? Das werde nichts ändern, sagt er. »Für die Leute, die auf die Straße pissen, ist das Urlaub. Die kommen aus Stuttgart und München, da können die das nicht machen. Aber hier in Berlin ist Party.«

Auf die journalistisch überhöhende Frage, was ihm der Kotti bedeute, atmet er laut aus: »Pfuuuuuh. Das Kottbusser Tor? Hat keine Bedeutung.«

Warum gehen Sie nicht weg von hier, nach Charlottenburg etwa?

»Charlottenburg? Ne, das ist nicht mein Ding. Hier hat man alles! Morgens, mittags, nachts, vor oder nach der Schicht kann ich hier problemlos was essen gehen.«

9. Stock: Ein gewisser Mehmet hat sein Revier markiert, den Stadtteil Kreuzberg 36: »MEMO DER SULTAN VON 36!!!« steht an die Wand des Treppenhauses gekritzelt.

10. Stock: Im Treppenhaus sitzt ein Teenagerpärchen, er mit Baseballkappe, sie blondiert und stark geschminkt.

Wohnt ihr hier?

»Ne, sie ist meine Freundin. Wir müssen nur kurz was klären.«

11. Stock: Aus dem Aufzug tritt ein Mann im groben Wollpulli, ein grün-weiß gestreiftes Hemd darunter und eine Brille mit Goldrand auf der Nase. »Ich wohne erst seit zweieinhalb Jahren hier, reicht dir das?«, fragt er mit starkem bayerischen Akzent. Das reicht. Sein Name ist Wolfgang Moser. Er ist 57 Jahre alt, seit 30 Jahren in Berlin.

Warum sind Sie nach Berlin gekommen?

»Warum kommt man nach Berlin? Weil man die Schnauze voll hat vom langweiligen Bayern«, sagt Wolfgang Moser und schaut einen über seine Brille hinweg an, mit einem Blick, der sagt: Wennst vastehst, wos I moan?

Seine Wohnungstür liegt auf einem der Hausflure, die nach außen offen sind, der Wind weht kalt. »Schau dir das mal an!«, ruft er und breitet die Arme aus. Man kann von hier aus den Berliner Dom sehen, den Fernsehturm und den Turm des Roten Rathauses. »Das war eine meiner Traumlagen.« Er bittet in die Wohnung.

Der Kotti, sagt er, sei wie eine Stadt in der Stadt. »Ich könnte hier in Unterhose einkaufen gehen.« Er meint das im übertragenen Sinn, weil alles so nah ist: Supermarkt, Friseur, Restaurants, Drogerie. Aber wahrscheinlich würde sich auch niemand daran stören, wenn Wolfgang Moser tatsächlich in Unterhose einkaufen würde, weil es den Leuten hier aufrichtig egal ist, ob er eine Hose trägt, solange er ihnen nicht vor die Tür pinkelt.

»Dieses Haus ist ein vertikales Dorf«, sagt er. »Und der Aufzug ist der Marktplatz.« Dort lerne man sich kennen. »Aber wenn Sie wissen wollen, wie es hier wirklich ist, müssen Sie mit Herrn Aktürk sprechen.« Der wohnt direkt nebenan.

Fürs Gespräch trifft man Celalettin Aktürk im Erdgeschoss in seinem Büro. Seit 42 Jahren lebt er am Kotti. Die grauen Haare sind kurz, mit einer eleganten Kappe und einer nachtblauen Jacke sitzt er auf einem Schreibtischstuhl, weit zurückgelehnt. Er ist ein Mann, der fast nichts sagt, wenn man ihm eine Frage stellt, aber zu erzählen beginnt, wenn man schweigt.

Er kam 1974 nach Berlin, erzählt er. Da war er 13. Sein Vater sei Zimmermann gewesen. »Er hat dieses Land mit aufgebaut«, sagt er. Celalettin Aktürk lernte Deutsch, machte seinen Realschulabschluss, ging auf die Fachoberschule. »Da habe ich ein bisschen Buchhaltung gelernt.«

Er habe jahrelang bei Kaiser`s hier unten die Warenannahme geleitet, zehn, zwölf Mann unter sich gehabt. Ende der Neunzigerjahre übernahm er einen Dönerladen im Erdgeschoss. »Ich habe nie Vater Staat um Geld gebeten.« Er zeigt auf seine offene Hand und tippt mit zwei Fingern hinein.

Er schweigt lange. Fast 50 Jahre lebt er nun in Deutschland. »Es tut manchmal weh«, sagt er unvermittelt. »Wenn ich aus dem Urlaub in der Türkei komme, und die Menschen fragen: Ach, warst du in der Heimatstadt?«

Geschichten wie diese hört man immer wieder hier am Kotti. Die Menschen zogen her, weil sie hier eine Wohnung bekamen. Und weil hier jemand lebte, der dieselbe Sprache sprach. Es sind Menschen, die etwas aus sich machten oder auch nicht, die einander halfen, sich verliebten, Kinder bekamen, die sie zur Schule schickten und hier aufzogen. Aktürks Sohn wohnt in der Wohnung neben ihm.

»In Kreuzberg bin ich jung gewesen, und ich bin hier alt geworden«, sagt Celalettin Aktürk. »Auf dem Ku`damm fühle ich mich fremd.«

Was ist der Kotti für Sie, Herr Aktürk?
»Meine Heimat.«

»Das ist ein Stück Identität. Hier komme ich her, hier gehöre ich hin.«
Steffen Bonnin, Polizist

erschienen in DER SPIEGEL 6/2023

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